(Bertolt
Brecht)
Was ist für
Schülerinnen und Schüler so faszinierend an der Theaterarbeit?
Warum treten sie
immer wieder ins Licht? Sie machen ganz tiefgehende persönliche Erfahrungen,
die sie in ihren Gefühlen treffen, erfreuen und oft auch verändern.
Die Kreativität
der Jugendlichen fördert die Musik-Theater-AG seit dem Schuljahr 1985/86. Im
Mittelpunkt unserer Bemühungen steht immer die Bildung des Ensembles, die
gemeinschaftliche Arbeit von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen
Altersstufen. Spätestens kurz vor der Premiere wird aus vielen
Einzelindividuen eine „verschworene Truppe“, die selbstverständlich auch
ihre Stars hat. Einige von ihnen haben die Bühne oder den Film als ihren
Beruf gewählt und das macht uns Pädagogen natürlich ein bisschen stolz.
Neben den Schauspielern und Sängern müssen die Musiker genannt werden, die
sich jedes Jahr von neuem erfolgreich zu einer Band zusammenfinden und den
richtigen Ton einer Aufführung angeben.
Angefangen hat
alles 1986 mit der Aufführung von "Happy End", einer
satirischen und gleichzeitig romantischen Komödie von Bertolt Brecht über
die Bekehrung eines Gauners durch ein Heilsarmee-Mädchen, mit der Musik von
Kurt Weill, musikalisch geleitet von Gabi Bartella und Cornelia Friedrich
und inszeniert von Wolfgang Schmidt, mit im Ensemble dabei unser
unvergessener Kollege Bernd Bünger.
Ein
anspruchsvolles Projekt brachte Wolfgang Schmidt 1987 mit der
modernen Bearbeitung des antiken Theaterstücks "Die Vögel" von
Aristophanes über menschliche Verführbarkeit und Machtmissbrauch auf die
Bühne, wieder unter der musikalischen Leitung von Gabi Bartella und Cornelia
Friedrich. Besonders beeindruckend waren hier neben der schauspielerischen
Leistung die prachtvollen Vogel-Kostüme, die eine Gruppe von zwölf
Schülerinnen und Schülern unter der Leitung von Heide Thielebein eigenhändig
fertigte.
Nach einem Jahr
schöpferischer Pause inszenierte Gabi Bartella zusammen mit der neuen
Musik-Kollegin Kristina Köhne 1989 die amüsante und herrlich schwarze
Groteske "Frank V." von Friedrich Dürrenmatt. Mit viel Spielfreude
entlarvten die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler Heuchelei,
Betrug und Brutalität in den Geschäftsmethoden einer Privatbank.
Eine beachtliche
Resonanz in der Delmenhorster Presse hatte das "deutsche Singspiel" des
Berliner Autorenteams Jensen/Koch "Unsere Republik". Unserem
Ensemble, in dem nun als dritte Kollegin Herta Hoffmann mitmachte, wurden in
der Presse "Ausstrahlung" und "erstaunliche Geschlossenheit" bescheinigt,
ein treffendes Urteil über eine großartige Truppe. 40 Jahre Bundesrepublik
Deutschland wurden im März 1990 in einzelnen witzigen und
nachdenklichen Szenen und mit der passenden Musik dokumentiert. Mitten in
unseren Proben fiel die Berliner Mauer und wir hatten einen umwerfend
aktuellen Schluss für unser Stück.
Nun war das
Interesse an der politischen Revue geweckt und in Heidelberg, der
Geburtsstadt Friedrich Eberts, entdeckten wir am dortigen Theater eine
"deutsche Revue" von Peter Stoltzenberg über Eberts Leben und seine Zeit
(1871-1925), „Biste für - Biste gegen?“ ein "dicker Brocken deutscher
Geschichte", wie die Presse schrieb. Bei der Ausstattung stießen wir fast an
die Grenzen unserer Möglichkeiten, aber das Heidelberger Theater half mit
Stahlhelmen und Gasmasken, das Bremer Theater lieh uns großzügig Kostüme und
zwei Schülerinnen schufen als Kulisse das Brandenburger Tor. Sogar ein
original aus dieser Zeit stammendes Korsett konnten wir einer süddeutschen
Miederfirma als Leihgabe entlocken. Auch hier entstand wieder eine
beeindruckende Einheit aus Schauspiel, Musik, Gesang und Tanz. 54 Jahre, in
denen sich Deutschland radikal veränderte, wurden im März 1991
glaubhaft dargestellt.
Gabi Bartella
verließ in diesem Jahr Delmenhorst in Richtung Mailand und nun unterstützte
uns wie schon bei Eberts Revue der Kollege Frank Seiffert. "Spectaculum"
nannten wir den "Reigen von Schauspiel, Musik und Tanz" über die Zeit der
Renaissance, den wir im Mai 1992 auf die Bühne brachten. Wir
erzählten von Aberglauben und Hexenwahn, von Ausbeutung und Gewalt, von
Betrug und Unmoral, aber auch von geistiger Freiheit und von großen
wissenschaftlichen Entdeckungen. Günter Matysiak schrieb in seiner Rezension
dazu: "Wenn Schulen für sich werben müßten -böse Zungen werden behaupten,
sie müßten es schon- könnte das Gymnasium an der Max-Planck-Straße wieder
einmal Pluspunkte für sich verbuchen. Am Sonnabend stellte es sich im
Kleinen Haus dar als Schule, deren Schülern es nicht schwergemacht wird,
sich mit ihr zu identifizieren. Wenn alle Lernbereiche so voller Leben
stecken, wie die sich hier präsentierenden, müßte es den Schülern möglich
sein, ihre Schule zu lieben."
Nach dieser
Ermutigung machten wir weiter, jetzt in unserem heute noch immer bestehenden
Frauen-Trio: Kristina Köhne, Herta Schwender und Herta Hoffmann. Wir taten
uns für unser neues Projekt im März 1994 mit der Big-Band des
Gymnasiums Ganderkesee zusammen und knüpften historisch dort an, wo wir mit
Eberts Tod aufgehört hatten. Es enstand aus der Vorlage eines ehemaligen
Schülers, Timo Thalmann, unter unserer Bearbeitung ein Schauspiel über den
kleinen Teil der Jugendlichen in der Nazi-Zeit, der sich nicht manipulieren
ließ: "Swingend wollen wir marschieren".
Den Ausflug im
Juni 1995 in das romantische Zaubermärchen von Ferdinand Raimund
"Der Bauer als Millionär" haben einige unserer Anhänger nicht ganz
akzeptiert, weil wir plötzlich so unpolitisch daherkamen. Aber unkritisch
war auch dieses Stück nicht, denn die schlechten menschlichen Eigenschaften
wie Arroganz und Korrumpierbarkeit, Neid und Hass wurden sehr pointiert
herausgearbeitet. Für unsere Arbeit gilt der Grundsatz, immer etwas Neues zu
wagen und nicht in eingefahrenen Schienen zu bleiben. "Eine Vielzahl bester
Theatereinfälle" wurde dem Ensemble bescheinigt und das galt hier auch für
die kunstvolle Kulisse und die farbenprächtigen Kostüme, die die Mädchen der
Schneider-Werkstatt der DAG für uns schneiderten und die unseren
Kleider-Fundus bereichern.
Im Jahr 1996
kehrten wir zu Brecht zurück. "Der Kaukasische Kreidekreis" war
ganz nach dem Geschmack der jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler.
Ein lebensvolles, aktionsreiches Drama über den Sieg der Menschlichkeit
eines einfachen Mädchens gegenüber der Arroganz der Macht, mit vielen
glänzenden Rollen, in denen sich alle so richtig entfalten konnten! Die
moderne Musik von Paul Dessau mussten viele der Mitwirkenden erst
akzeptieren lernen, aber im Endeffekt wurde sie dann gegenüber erstaunten
Zuschauern vehement verteidigt. An dieser Stelle muss unserem Hausmeister
Herrn Schweer ein großes Lob gespendet werden, der bei allen Produktionen
tatkräftig geholfen hat und in diesem Fall mit über zwanzig Holzkästen ein
variabel einzusetzendes Bühnenmobiliar zimmerte.
„Sechs Uhr
vierzehn Bahnhof Zoo“ - so fängt die musikalische Revue „Linie 1“
über die Großstadt Berlin von Volker Ludwig und Birger Heymann aus dem GRIPS
Theater an. Der Darstellerin der Sunnie, heute ein bekannter
deutscher Pop-Star, wurde in der Presse eine „große, wirksame Musicalstimme“
bescheinigt. Dreimal spielten wir im Mai 1997 vor ausverkauftem Haus,
für unsere Gruppe ein riesiger Erfolg. Dies war ein Stück, mit dem sich alle
identifizieren konnten: witzig, frech, sentimental, traurig, eine Vielzahl
von Problemen wie mangelnde Kommunikation und Einsamkeit in der Großstadt,
Ausländerfeindlichkeit, Drogenkonsum und Arbeitslosigkeit ansprechend und
voller Hoffnung am Schluss, dass wahre Liebe siegt. Dazu eine eingängige,
fetzige Musik. „Ach, wenn es doch noch mehr solche Stücke gäbe“, seufzten
wir am Ende und machten uns erneut auf die Suche.
„Romeo und
Julia“
als
Musiktheater? Ja, und zwar mit einem Instrumentalensemble, das Musik des
16.Jahrhunderts, also aus der Zeit Shakespeares spielte, und einer Band, die
mit fetziger Rock-Musik zeigte, dass das Thema von Liebe und Gewalt immer
aktuell ist. „Ein Abend wie dieser stellt so etwas wie die Shell-Studie zur
Lage der Jugend mit seiner prallen Lebendigkeit leicht in den Schatten“,
schrieb Günter Matysiak im Mai 1998. Natürlich waren wir beeinflusst
von der großartigen Verfilmung mit Leonardo di Caprio, aber je weiter wir in
dieses berühmte Drama (modern übersetzt von Frank Günther) einstiegen, desto
intensiver fanden die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler zu
ihrem eigenen Stil und brachten diese schrille Komödie und tief romantische
Tragödie in einem authentisch auf die Bühne. Das aufwendige Bühnenbild, das
uns der Lions-Club Delmenhorst-Burggraf finanzierte, trug mit zum Erfolg der
Aufführungen bei. Üppig war alles in dieser Inszenierung: die Sprache, die
Kostüme, das Bühnenbild und die brennenden Kerzen, die die Feuerwehrleute
hinter der Bühne an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachten.
Der Wunsch
unserer Schülerinnen und Schüler für das neue Schuljahr: ein Musical! „Hair“
wurde in die engere Auswahl genommen, aber aufgrund der schwierig zu
gestaltenden Story verworfen. Wir blieben an der Musik hängen. Wundervolle
Songs wie „Aquarius“ und „Let the sunshine in“ gingen uns nicht aus dem
Kopf, die Idee von einer Revue über die spannungsreiche Zeit zwischen 1965
und 1975 entstand. Die Themen waren leicht zu finden: Friedensbewegung, Karl
Marx, Hippies, antiautoritäre Erziehung, lange Haare, sexuelle Befreiung,
Selbstverwirklichung, Drogen. Nur, wer schreibt die Szenen? In dieser Revue
„When I was young“ im Juni 1999 haben wir Kreativität und
Engagement unserer Teilnehmer erleben können, derart beeindruckend, dass
auch der letzte Platz im Kleinen Haus besetzt war. Tanz, Gesang, Band und
Schauspiel - es passte alles zusammen. Selbstgeschriebene und aus fremder
Feder stammende Texte bildeten eine Einheit. „Imagine all the people living
life in peace“- eine Aufführung, die nachhaltigen Eindruck hinterließ.
Im gleichen Jahr
präsentierte sich im Gymnasium Wildeshausen ein Musical, das unsere
Aufmerksamkeit erregte: „Mephisto“, geschrieben und komponiert von
dem Kollegenteam Karl-Heinz Drollinger/Horst Römer und Walter Bialek/Ole
Oltmann. Es ist ein „höllisches Musical“, wie es die Autoren nennen, denn in
der Übertragung der alten Geschichte vom Dr. Faust auf unsere Gegenwart
bietet das Stück nicht nur vergnügliche Unterhaltung mit Sprachwitz,
szenischem Einfallsreichtum und flotten Songs und Tänzen, sondern auch die
ernstere Ebene des Nachdenkens über die Hölle, „die wir schon auf Erden
haben“, wie es im Schlusslied heißt. Mephisto, der spöttisch-satirische
Weltbetrachter, ist die Hauptfigur, sein Plan geht am Ende auf: die Fusion
zwischen Himmel und Hölle, d.h. die feindliche Übernahme des Himmels durch
die Hölle. 60 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8 bis 12 tanzten und
sangen im Mai 2000 auf der Bühne, besonderes Lob galt der
Choreographie, die ganz allein Schülerarbeit war. Das gut gefüllte Kleine
Haus in diesem und auch in den vorigen Jahren ermöglichte uns die
Anschaffung von Head-Sets, von drahtlosen Mikrophonen, die die Verbindung
von Spiel und Gesang deutlich verbessern.
Wie kann man
solche Erfolge noch „toppen“? Wie jedes Mal 60 Schülerinnen und Schüler
beschäftigen? Wir entschlossen uns für das Jahr 2001 für ein
kleineres Ensemble und für die Neuinszenierung von Dürrenmatts schwarzer
Komödie „Frank V.“. Die Groteske als Ausdruck unserer ungestalteten,
unübersichtlichen Welt, in der jeder irgendwie schuldig wird und
Anständigkeit und Menschlichkeit vergebliche Träume bleiben, faszinierte die
Theatergruppe aufs Neue und ergab eine lebendige, gut durchdachte
Darstellung, gestützt von den zuweilen recht ironischen Songs, komponiert
von Paul Burkhard, die oft einen reizvollen Kontrast zur Handlung bildeten.
Nun standen wir
vor unserem 50jährigen Schuljubiläum und, revueerfahren wie wir sind, nahmen
wir uns die 50er Jahre vor. Kaum wurde das Vorhaben bekannt, wuchs unsere
Gruppe auf 70 Teilnehmer. Man sage ja nicht, die Jugend interessiere sich
nicht für Geschichte! Oder ist es vor allem der „Rock around the clock“?
Also in dem Sinne: „See you later, Alligator“!
"Filmreife Sugar
Babys" - so lautete das Fazit der Presse über die Revue
"Rendezvous am
Nierentisch", die im Juni 2002 zum runden Geburtstag
unserer Schule über die Bühne ging. Zum Bühnenbild gehörte eine BMW
"Isetta", damals liebevoll "Knutschkugel" genannt, die zur Freude des
Publikums im viermal ausverkauften Kleinen Haus wirkungsvoll in die Handlung
eingebaut wurde. Den ersten Teil der Revue nannten wir: "Jetzt kommt das
Wirtschaftswunder", in dem es um Konsum, Fernsehen, Mode, Urlaub, Fußball
und Familie ging. Der zweite Teil "Aus dem Backfisch wird ein Teenager" war
der Jugendkultur und ihrem großen Vorbild Amerika gewidmet. Die Texte wurden
zum Teil von Schülern und Lehrern selbst geschrieben, zum Teil waren sie
Originalton der Zeit. Auch die Songs wurden von uns ausgesucht und mit den
Texten zu szenischen Einheiten verwoben. Eine unglaubliche Spielfreude in
den Szenen und Begeisterung für die Musik der 50er Jahre zeichneten die
Leistung der Teilnehmer aus. "Summer Nights" aus "Grease", "Cool" aus der
"West Side Story", "Ganz Paris träumt von der Liebe", "Milord",
"Caprifischer", "Ich möcht mit dir träumen" sind nur einige Beispiele für
die anspruchsvolle musikalische Leistung in nicht weniger als 26 Songs.
Starke Stimmen und eine souverän spielende Band machten die Aufführungen zu
einem unvergesslichen Erlebnis.
Getreu unserem Motto der Vielfältigkeit und des Kontrastes nahmen wir uns
2003 einen schwierigen literarischen Stoff vor:
"Schöne Neue Welt"
("Brave New World") von Aldous Huxley. Zwei Kollegen aus dem
Graf-Anton-Günther-Gymnasium in Oldenburg haben den Roman zu einem Musical
umgearbeitet. Frank-Raymund Richter übersetzte und bearbeitete die englische
dramatisierte Fassung und Jörg Olesch schrieb dazu eine rockige Musik.
Aldous Huxley sah 1932 schon sehr klar die Gefahren der totalen
Technisierung in der modernen Wohlstandsgesellschaft, die viele
traditionelle Werte und Bindungen auflöst. Während der Arbeit wurde uns
deutlich, wie weit das Schreckensszenario Huxleys Wirklichkeit geworden ist.
Die "Anbetung" des technischen Fortschritts und des Konsums ebenso wie
Glücksdrogen sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Dieses kritische
Musical war für die Schüler eine große Herausforderung, die sie mit viel
Engagement meisterten.
Nach der Utopie die Mythologie, die Reise in die Vergangenheit auf den
Spuren des Odysseus! Das neben der "Ilias" berühmteste Epos der europäischen
Literatur, die "Odyssee" als Musical? Homer möge es uns verzeihen!
"Die Heimkehr des
Odysseus",
ein Musical frei nach Homer, bescherte uns im Juni 2004 ein volles
Kleines Haus. Inge Arnold, Kollegin am Dientzenhofer-Gymnasium in Bamberg,
hat den antiken Stoff zu einem vergnüglichen Theaterstück über die ganz
persönlichen Befindlichkeiten von Helden, Geistern und Göttern umgearbeitet
und wir haben dazu weitere Szenen geschrieben und eine vielfältige passende
Musik gefunden. Von Jan Gabarek über Queen, Mariah Carey, Blackmore bis
Klaus Doldinger reichte die musikalische Bandbreite. Es gab sogar eigene
Kompositionen. Das Publikum war begeistert von den dramatischen Stationen
der Irrfahrt des Odysseus, die vom Göttervater Zeus mit einem Fernglas
beobachtet und humorvoll kommentiert werden, während seine Tochter Athene
wirkungsvoll zugunsten ihres Lieblingshelden Odysseus in das Geschehen
eingreift, damit er endlich seine von frechen Freiern bedrängte, treue
Penelope in die Arme schließen kann. Das Schlusslied "Home again" beendete
eine farbenprächtige Heimreise, zu der der Künstler Rudolf Schönfeld ein
eindrucksvolles Bühnenbild schuf.
Lieder und Szenen aus 15 Jahren Musiktheater nahmen wir uns am 4.
Dezember 2004 vor. 23 Ehemalige standen mit aktuellen Mitgliedern der AG
zusammen auf der Bühne und noch mehr treue Mitspieler saßen im
Zuschauerraum, die auch gerne mitgespielt hätten. Aber wir mussten
auswählen, was uns sehr schwer fiel. Das Wiedersehen mit den Texten und
Liedern und ihren Interpreten aus vergangenen Zeiten war für uns sehr
bewegend. Es hat uns große Freude bereitet als Moderatorinnen durch das
Programm zu führen und uns an viele Highlights zu erinnern -
"Best
of...".
Ausgelaugt nach 15 Jahren gemeinsamer Arbeit, Burn-out-Syndrom? Nicht bei
uns! Wir gingen im Juni 2005 erst einmal baden, das heißt wir
inszenierten ein sommerliches Sittenbild mit Musik aus dem GRIPS Theater in
Berlin. Für Volker Ludwig konnten wir uns schon 1997 begeistern und so lag
es nahe, sein aktuelles Stück
"Baden gehn"
mit einem deutlichen Seitenhieb auf die endlosen Diskussionen um die
Zukunft des Delfina in Delmenhorst auf die Bühne zu bringen. "Berlin ist
unvorstellbar pleite", so charakterisiert Volker Ludwig in seinen bissigen
Dialogen und Songs die Situation der Hauptstadt. In einem völlig maroden
Freibad ohne Wasser im Becken tummeln sich die unterschiedlichsten
Charaktere und breiten in Alltagskomik und -tragik ihre Lebensgeschichten
aus. Die Band überzeugte wieder einmal mit der musikalischen Darbietung der
fetzigen Rock- und Samba-Rhythmen. "Sommer in der Stadt", "Berlin geht
baden", "Rentner-Rap", "Ich möchte ein Wal sein" und viele andere Lieder -
das Publikum konnte sich leicht für diese gut zu hörenden Songs begeistern.
Berlin ließ uns noch nicht los und so nahmen wir im Juni 2006 unser
treues Publikum mit auf eine Reise in das aufgewühlte Berlin Ende der 20er
Jahre, in eine Zeit voller gesellschaftlicher Widersprüche und politischer
Kämpfe, aber auch voller Kreativität und Lebenslust.
"Wenn ich mir was
wünschen dürfte"
nannten wir unsere Revue, die wir aus zeitgenössischen Romanen, Gedichten,
Kabarett-Szenen und Autobiographien zusammenstellten. Zwanzig berühmte
Musiknummern, darboten von einem talentierten Salon-Orchester und
gesangsstarken Solisten, gaben einen authentischen Einblick in diese Epoche
begabter Komponisten wie Friedrich Hollaender. Texte und Lieder wurden von
uns so zusammengefügt, dass sie einen Handlungszusammenhang ergaben, in dem
Personen aus unterschiedlichen Milieus vorgestellt werden, deren Lebenswege
durch die Person des Schriftstellers Christopher Isherwood verbunden werden,
der ihre und seine Geschichte erzählt. Dabei tritt der große Star der 20er
Jahre, Marlene Dietrich, neben der Arbeiterfamilie Nowak auf. "Die Zeit
fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken" heißt es in Erich Kästners
gleichnamigem Gedicht aus dem Jahre 1928, kommt uns das nicht irgendwie
bekannt vor?
Nachdem uns 2004
schon ein Ausflug in die Mythologie gelungen war, wollten wir ihn 2007
wieder wagen, dieses Mal in Richtung Rhein. Wir landeten in Worms, direkt
vor dem ehrwürdigen Dom, vor dessen Portal Brunhild und Kriemhild heftig um
den Vortritt stritten. Ein gewaltiges Drama über Liebe und Intrige,
politisches Kalkül, Verrat und Tod hat Friedrich Hebbel 1860 geschrieben:
„Die Nibelungen“. Vorlage ist das mittelalterliche Heldenepos von den
Königen Siegfried und Gunther, das aus alten germanischen Sagen entstand.
Hebbel im Originalton:„Die Geschichte der Menschheit macht zuweilen einen
Eindruck auf mich, als ob sie der Traum eines Raubtieres wäre.“ Diese
Thematik hat die Schülerinnen und Schüler so fasziniert, dass sie sogar mit
den Herausforderungen der klassischen Literatursprache bravourös fertig
wurden. „Der Schlussapplaus nach vielem Szenenapplaus war donnernd und galt
einer ambitionierten, ernsthaften Aufführung eines wahrlich schweren
Brockens“, so schrieb Günter Matysiak in seiner Rezension. Die
interessanteste Figur ist sicher Hagen Tronje, der im Dienste Gunthers
Siegfried tötet, um die Ordnung im Staat wiederherzustellen. Was ist gut und
was ist böse? Hebbel zwingt uns, über diese moralischen Kategorien genauer
nachzudenken.
In der Musik
ließen wir uns von der Atmosphäre der „alten Märchen“ inspirieren. Sie
spannt einen stilistischen Bogen von alten deutschen Volksliedern über
Bearbeitungen von englischen und französischen Renaissanceliedern und
Folkmusik bis zu Jazzstücken von Jan Gabarek. Sicher in ihrem Auftritt gaben
Mädchenchor, Solistinnen und Instrumentalensemble mit dieser stimmungsvollen
Musik dem oft düsteren Drama einen romantischen Rahmen. Zum Erfolg dieser
Aufführung trug auch das Bühnenbild bei. Wie schön, dass unser
„Drei-Frauen-Team“ in Kathryn Michalzik aus dem Fachbereich Kunst eine
vierte starke Frau gefunden hat, die uns nun mit viel Kreativität und
Effektivität unterstützt und bereichert!
Juni 2008:
Acht Paare unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft befinden sich auf
dem Flughafen, als dieser plötzlich wegen eines verdächtigen Koffers
abgesperrt wird und niemand die Abflughalle verlassen darf: Eine packende
Story mit durchaus aktuellen Bezügen, die wir in dem Stück „Ein paar Paare“
fanden, das ein Literaturkurs für die Schulbühne geschrieben hat.
In dieser
klassischen Situation der „geschlossenen Gesellschaft“ brechen plötzlich
ungeahnte Konflikte und Leidenschaften zwischen den Partnern auf. Diese
entwickeln sich auf dramatische, komische und bisweilen auch groteske Weise,
führen zu Brüchen, Versöhnungen oder sogar zu Neuorientierung, bis am
Schluss die Sperrung genauso plötzlich wieder aufgehoben wird und jeder
seiner Wege geht.
In unserer
Bearbeitung entwickelte sich eine Flughafenkomödie mit viel Pop-Musik und
ganz eigenen dramaturgischen Ideen, so dass wir unserer Produktion den Namen
„Von Koffern und Paaren“ gaben. An dieser Stelle hat Günther
Matysiak wieder einmal genau hingeschaut und hingehört, wenn er schreibt:“
Komödie
nennt es sich, das Publikum hat auch immer wieder was zu lachen, aber
irgendwie durchzieht eine melancholische Tristesse das Stück.“.
In diesem Jahr
konnten die Darstellerinnen und Darsteller also ihr komödiantisches Talent
zeigen, bei den vielen Vorbildern aus Fernseh – und Kinoproduktionen erstmal
ein vertrautes Terrain. Wenn es aber darum ging, die Komik mit ebenso
vorhandener Hintergründigkeit in einer Szene zu verbinden, konnte das
Darstellerische schon zu einer Herausforderung werden.
Die Musik
konzentrierte sich auf Titel aus der deutschsprachigen Pop- und Rockmusik.
In Songs von Gruppen wie Ideal, Element of Crime, aber auch von Nena oder
Udo Jürgens wurde von Liebe, Hass und der Sehnsucht nach einem anderen Leben
gesungen: “Ich war noch niemals in New York...“ Herrlich „schräg“ waren das
Bühnenprospekt (ein Cockpit, das durch eine Wand bricht) und die zahlreichen
Anzeigetafeln und Schilder mit mehr oder weniger absurden Aufschriften
gelungen, die die Bühnenbild-AG kreierte.
„Sind wir nicht
alle ein bisschen burg?“ Die Schülerinnen und Schüler hielten uns eher für
verrückt, als wir ihnen das Theaterprojekt zum Burgjubiläum der Stadt
Delmenhorst 2009 vorstellten. Es dauerte ein bisschen, bis sie
verstanden, dass auch die Geschichte einer nicht mehr vorhandenen Burg
durchaus ihre Reize hat. In unserem selbst geschriebenen Theaterstück ging
es nicht um historische Aufarbeitung, sondern um eine künstlerische
Beschäftigung mit dem Zauber der Vergangenheit, der bis in die Gegenwart
reicht.
Gegenwart trifft
Vergangenheit – die Grenzen zwischen Lebenden und Toten verwischen und sie
entdecken gemeinsam, dass sich die Freuden und Sorgen der Menschen im Grunde
nicht verändert haben. Auf der Bühne wurde das längst vergangene und das
aktuelle Schicksal der Stadt Delmenhorst und ihrer Burg höchst
unkonventionell, schonungslos kritisch, aber auch wohlmeinend verhandelt.
Dass die Begegnung zwischen Bürgerinitiative und gräflicher Familie und das
kreative Durcheinander in der Planung zur Neugestaltung Delmenhorsts und zum
Wiederaufbau der Burg doch nur „Luftschlösser“ waren, machte Graf
Gerds „Abgang“ am Ende des Stücks deutlich.
Die historischen
Figuren wurden vor allem lebendig durch die wunderbar kunstvollen Kostüme,
die den Darstellern von der Bühnenbild- und Kostüm-AG sozusagen auf den Leib
geschneidert wurden.
Damit nun aber
aus dem Ganzen nicht eine interaktive Geschichtsstunde wurde, sorgte die
Musik für die nötige Brechung und Unterbrechung. Wunderschöne Standardtitel,
unter anderem aus dem großen Fundus des Swing und Latin, ließen das
Bühnengeschehen bisweilen in einem anderen „Licht“ erscheinen, würzten
dieses mit etwas Ironie oder sprachen den Charakteren einfach nur aus der
Seele. Die Band „The Lobby Loafers“ hatte den Beifall verdient und als Graf
Gerd, der schlitzohrige Raubritter, am Schluss „I did it my way“ sang, gab
es kein Halten mehr. So schön kann ein 750. Burgjubiläum sein!
Herta Hoffmann, September 2009
Alle
Programmhefte und Presseberichte können im Archiv der Musik-Theater-AG
eingesehen werden.
Hauptseite
der
MusikTheaterAg
Letzte Änderung:20.03.2010