
„European People“
„Ah,
European people“, unser kundiger Führer durch den Nationalpark von
Bialowieza hatte es sofort erfasst. Vor ihm standen Schülerinnen und Schüler
mit ihren Lehrerinnen und Lehrern aus Helsinki / Finnland, Marignane /
Frankreich, San Miniato / Italien, Bialystok / Polen, Miskolc / Ungarn und
Delmenhorst / Deutschland und drückten ihre Begeisterung über das
anschauliche Museum in sechs verschiedenen Sprachen aus. Die gemeinsame
Sprache war Englisch, das auch unser Begleiter hervorragend sprach.
Überhaupt war dieser Ausflug in das größte mitteleuropäische Urwaldgebiet,
auf polnischem und weißrussischem Territorium gelegen, der Höhepunkt des
Comenius-Treffens vom 22. bis 26. November 2005. Zwar bekamen wir Touristen die
Wisente und Wölfe nur im Gehege zu sehen, aber der Spaziergang durch den
verschneiten Urwald war ein beeindruckendes Erlebnis. Die abschließende
Fahrt in kleinen Pferdekutschen bot sogar einen Hauch von Abenteuer.
Vor
diesem letzten Tag unserer Zusammenkunft wurde an unserer Partnerschule in
Bialystok zwei Tage intensiv am Projekt gearbeitet. „Communicating
through European Streets“, so heißt unser Comenius-Projekt, das seit
September 2004 sechs europäische Schulen miteinander verbindet. Nachdem im
ersten Projektjahr eine Zeitung mit ganz unterschiedlichen Beiträgen zu den
Straßennamen in unseren Städten erstellt wurde, setzen wir uns im zweiten
Projektjahr neue Ziele. Wir wollen einen gemeinsamen europäischen Film über
Straßen präsentieren, die einen europäischen Bezug haben. Die individuellen
Filme aus den sechs Schulen wurden nach Bialystok mitgebracht und dort mit
viel Interesse gegenseitig begutachtet. Unsere Gruppe aus Delmenhorst fand
heraus, dass die Lange Straße ein Teil der Flämischen Straße war, auf der
die Händler in früheren Zeiten von Russland bis nach Flandern zogen. Dass
Raubritter Graf Gerd die Kaufleute in einer Weise finanziell ausnahm, die
uns manchmal an moderne Zeiten erinnert, bot Anlass zu lustigen Filmszenen.
Auch
für das Endprodukt, den Plan einer idealen europäischen Stadt, leisteten die
Schülerinnen und Schüler schon gute Vorarbeit. Wir Kolleginnen und Kollegen
planten derweil die nächsten Arbeitsschritte und das vierte Comenius-Treffen
in Miskolc im Mai 2006. Auch dann werden sich wieder fünf Schülerinnen und
Schüler auf den Weg machen, um wie in San Miniato und in Bialystok einen
guten Beitrag zur europäischen Verständigung zu leisten.
In
Bialystok waren wir begeistert von dem herzlichen Empfang und der großen
Gastfreundschaft. Wir erlebten eine winterliche Stadt, die es nach dem
Zweiten Weltkrieg sehr schwer gehabt hat, aus der Trümmerwüste eine Heimat
für über 200 000 Einwohner entstehen zu lassen. Nur das wunderbar
restaurierte Palais Branicki erinnert den Besucher noch an die barocke
Architektur dieser Stadt aus dem 18. Jahrhundert.
Bevor wir wieder den Nachtzug nach Berlin bestiegen, sahen wir uns noch
einen Tag in Warschau um. Diese Stadt ist ein Wunderwerk der polnischen
Restauratoren. Zu über 80 % im Zweiten Weltkrieg zerstört, präsentiert sich
die polnische Hauptstadt heute als lebendige Metropole mit einer
sehenswerten Altstadt und einem prächtigen Schloss. Vor dem Denkmal des
Ghetto-Aufstandes an der ulica Zamenhofa blieben wir lange stehen, dachten
an die jüdischen Opfer und erinnerten uns an Willy Brandt, der vor diesem
Mahnmal niederkniete. Wir wurden in Polen mit grausamer deutsch-polnischer
Geschichte konfrontiert und haben zusammen mit unseren Partnern an der
friedlichen europäischen Gegenwart und Zukunft gearbeitet.
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Letzte Änderung:
20.03.2010
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