Ne
mega Location diese Burg, war auch hammer was los und auch die Musik war
echt krass: Da wurde doch glatt unsere seit Jahrhunderten nicht mehr
existente Delmenhorster Burg einen Theaterabend lang jugendlich-frisch und
lebendig und konnte uns leicht zu "Burgverteidigern mit Bürgerbewusstsein"
machen, wie es das sehr informative Programmheft wünscht!
"Luftschlösser - Ein Theaterstück mit Musik zum 750. Burgjubiläum" heißt die
jüngste Produktion der Musiktheater-AG des Max-Planck-Gymnasiums, die am
Freitagabend im Kleinen Haus ihre heftig beklatschte Premiere hatte. Zwei
Stunden lang gab es spielfreudiges Schultheater, alles ging mit sprühendem
Tempo über die Bühne, hatte Pep und Temperament. Die Gegenwart traf die
Vergangenheit.
Die Gegenwart wurde repräsentiert von Anton, dem Künstler oder Julia, der
Zeitungsredakteurin, von Steffi, der Kostümbildnerin und Günther, dem
Stadtplaner, meist hippen Typen, die als Bürgergruppe involviert sind in all
das Geschehen um Hotelkauf, Hotelabriss, Bürgerbeteiligung ("Flop - für die
Tonne") und die die derzeitige Planungslage witzig und tiefsinnig
("Delmenhorst ist einfach Delmenhorst") kommentieren. Alle aber scheinen
nicht wenig Lust zu haben, die Burg, "das Häufchen Elend", mit "Steinen aus
der Stadtkirche" wieder aufzubauen.
Hotel am Stadtpark abgewrackt Die Vergangenheit steht zuerst einmal nur
so symbolisch rum im abgewrackten Hotel am Stadtpark-Foyer am linken
Bühnenrand in Form einer Ritterrüstung. Aber: Graf Gerd "der Mutige" lebt,
wird auch - nach erster Horrorreaktion - gleich herzlich willkommen geheißen
und darf sich sichtlich wohlfühlen, als drei Mädels ihn aus seiner Rüstung
fummeln, züchtig hinterm Sofa. Dass die hübsch ausgedachte Szene etwas
länglich wird, hätte man vielleicht mit etwas Musik auffangen können.
Graf Gerd, der rotschopfige Rabauke, ist also so etwas wie der
Verbindungsmann zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die zeigt sich in
Gestalten diverser gräflicher Bewohner unserer Burg oder königlicher
Besucher, einigem höfischen Gesindel und historisch verbürgter
Liebesgeschichten, gräflicher Kabalen und (außerehelicher) Lieben, die
wiederum von einer Pro7-Produzentin gerne à la "Sarah und Marc" vermarktet
würden. Für diese historische Seriosität war als Autorin Herta Hoffmann
zuständig. Kristina Köhne sorgte für die "gegenwärtige" Textlockerheit und
gemeinsam hatte man hübsche Inszenierungsideen, etwa die "lebendigen"
Bilderrahmen.
Auch die Szene, in der Anton seine Steffie mit Walther von der Vogelweide
betört, gehört in diese Kategorie. Kathryn Michalzyk mit ihrem Schülerteam
hatte bezaubernde historische Kostüme genäht. Allein Derenthalben müssten
eigentlich alle nächsten Produktionen in ähnlichem historischen Umfeld
spielen! Darstellerisch ging es spielerisch-unangestrengt zu, wobei
komödiantische Talente durchaus herausragten. Allen voran Lennard
Kröger-Petersen als Anton "III", mit seiner temperamentvollen
Schauspielerei, die auch gerne mal spontan improvisiert. Anahid Mosala ließ
mit der Redakteurin ("Irgendwas muss ich ja schreiben") mitfühlen, eine
produktionswütige Produzentin wie Anke Waschinsky wird es bei Pro7 wirklich
geben. Ricarda Niebusch und Nikolaus Fellhauer waren ein rührendes,
unglückliches Liebespaar über die Standesgrenzen. Wenn am Schluss Tobias
Kolkwitz, der den Grafen Gerd mit gehörigem Gerd-Schröder-Charme gibt, sein
"I did it my way" singt, passen Musik und Bühnengeschehen perfekt zusammen.
Meist verstärkten die "Delmenhorster Burgmusik 2009" mit Songs aus der
näheren Vergangenheit zwischen Gershwins "Summertime", dem "As time goes by"
oder Porters "Night and Day" Stimmungen. Hübsch die Idee, die
Hofgesellschaft gerade nach dem so wenig tanzkompatiblen " Take five" tanzen
zu lassen. Allen Gesangssolisten und dem Chor ein großes Bravo für
Stimmqualitäten und Feeling. Das Bravo gilt auch der fünfköpfigen Band "The
Lobby Loafers", die, einstudiert von Herta Schwender, musikalisch
differenziert, druckvoll und souverän agierten. Sicher wären ein akustisches
Schlagzeug und bei manchen Stücken ein ebensolches Klavier noch
klanglebendiger gewesen und für die nächsten Vorstellungen (10. und 12.
Juni, 19.30 Uhr) könnte man sich manchmal etwas relaxtere Tempi vorstellen,
auch für die Sänger.
Zur Pressehauptseite
Musiktheaterseite

Verantwortlich für die Web-Seiten:
Reinhard Burmeister, StD
- Letzte Änderung:
12.06.09